Ulrich Hohenester
 

Patagonien 2015.

31.03. - 05.04.2015, Torres del Paine (Chile).

Die Route um das Bergmassiv des Nationalparks Torres del Paine besteht aus zwei Teilen, einem abgelegenen hinteren Teil, der durch wilde und unberührte Natur führt, und einem vorderen Teil, dem sogenannten „W“, der an die schroffen Felsformationen der Berge heranführt und deutlich touristischer ist. Die beiden Teile werden durch den John-Gardiner-Pass getrennt, einen Anstieg auf eine Höhe von 1100 hm, der bei schlechtem Wetter (wie ich es hatte) nur schwer passierbar ist.

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Am Montag dem 30.3. erreiche ich um 12:30 per Shuttlebus den Eingang des Nationalparks, dann geht es erstmals zu Fuß und schwerem Rucksack los. Die Sonne scheint und der Himmel ist teilweise wolkenverhangen, die Landschaft extrem schön, Wiesen mit hohem, herbstlich gelbem Gras, kleine Bäume, durch Waldbrand strahlend weiß gefärbt, im Hintergrund das gewaltige Bergmassiv, das es auf einer Länge von 150 km zu umrunden gilt. Der Wind weht stark, immer wieder zwingen mich Böen stehenzubleiben, dennoch bin ich erleichtert, nach dreitägiger Anreise nun endlich angekommen zu sein und die Anspannung der letzten Tage fällt langsam von mir ab. Nach einer knappen Stunde beginnt der Pfad entlang eines wilden, mäandernden Flusses zu verlaufen, dem ich die nächsten 1½ Tage folgen werde. Nach einiger Zeit reitet ein Einheimischer mit gewaltigem Galopp an mir vorbei, ja, so habe ich mir Patagonien vorgestellt.

Nach zwei Stunden Wanderung verdichten sich die Wolken, und es beginnt erst leicht, dann immer stärker zu regnen. Der Regen deckt sofort die Schwachstellen meiner Ausrüstung auf: meine Cross-Laufschuhe, die für schönes Wetter und leichten Regen geeignet sind, nicht aber starke Regenfälle und schlammigen Boden; die fehlenden regendichten Überhandschuhe, meine GoreTex-Handschuhe sind innerhalb kürzester Zeit vollständig durchnässt; und der fehlende Regenüberzug für den Rucksack, der mich stets fürchten lässt, dass mein Schlafsack nass werden könnte. Nasse Schuhe und Handschuhe werden in den nächsten Tagen mein größtes Problem darstellen. Nach knapp 4-stündiger Wanderung (16 km) erreiche ich den Zeltplatz, der den letzten Tag geöffnet ist, es ist das Ende der Saison und bereits später Herbst, und ich finde mit einer Handvoll weiterer Wanderer unter einem überdeckten Essbereich Unterschlupf. Die meisten Leute, die ich in dem abgelegenen hinteren Teil treffe, sind mehrere Monate, teilweise sogar Jahre durch Südamerika unterwegs, mein zweiwöchiger Aufenthalt stößt auf Erstaunen. Insgesamt ist es leicht, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen, man erhält schnell die nötigen Informationen über den Rundweg, alles ist hier sehr entspannt. Gegen Abend lässt der Regen nach, die Wolken verziehen sich zum Teil und man erkennt, dass es bis zu den Ausläufern der Berge heruntergeschneit hat. Ich stelle das Zelt auf und verziehe mich zähneklappernd früh in meine Schlafsack, der den Regenguss glücklicherweise trocken überstanden hat.

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In der Nacht versuche ich meine dünnen, ebenfalls nassen Windstopper-Handschuhe so gut als möglich im Schlafsack zu trocknen, es regnet und bläst die ganze Nacht, und der Regen verebbt erst in den frühen Morgenstunden. In der Nacht plagen mich die Gedanken, wie ich die Tour bei anhaltenden nassen und kalten Bedingungen fortführen kann. Sobald es hell wird baue ich mein Zelt ab und mache mich als Erster auf den Weg, um zumindest den weiteren Wegverlauf zu erkunden. Der Wind bläst und es regnet schwach, dennoch ist das Wetter besser als am Vortag und langsam werden meine Ängste und Sorgen von der Schönheit der Natur überdeckt. Weiter geht es entlang des Flussufers, durch wunderschöne kleine Wälder, bisweilen bergauf und bergab, um Biegungen des Flusses abzukürzen. Nach zwei Stunden passiere ich eine von Rangern besetzte Kontrollstation und nach weiteren zwei Stunden erreiche ich das Refugio am Lake Dikson (18 km), einem See, der von Gletschern gespeist wird und in dem strahlend hellblaue Eisberge schwimmen. Nach kurzer Rast beschließe ich weiter zum Campingplatz Perros aufzusteigen (10 km), der am Fuß des Passes liegt. Es geht durch einen zauberhaften, völlig naturbelassenen Wald mit alten Bäumen, deren Blätter bereits teilweise verfärbt sind. Ich begegne nur wenigen Leuten, einer vierköpfigen chilenischen Gruppe und einem argentinischen Paar, die alle aufgrund ihrer schweren Rucksäcke nur schleppend vorankommen. Später kann man in den höherliegenden Bergen die ersten Hängegletscher erkennen und kurz vor 15:30 erreiche ich das Refugio. Kurz überlege ich, gleich weiter über den Pass zu gehen, muss dann allerdings doch feststellen, dass ich zu erschöpft bin. Das Refugio hat am Vortag geschlossen, allerdings ist noch der Winterraum offen, in dem ich ein schottisches Paar treffe, das einen Ofen beheizt und mir erzählt, dass sie an diesem Tag den Pass zu überqueren versucht haben, jedoch den falschen Weg wählten und schließlich mit einigen Problemen umkehren mussten. Ich verbringe den Abend vor dem Ofen und versuche in stundenlanger Arbeit meine nassen Winterhandschuhe für den nächsten Tag zu trocknen, im Lauf des Nachmittags und Abends treffen dann noch die Wanderer, die ich überholt habe, sowie ein junger Franzose und Südkoreaner ein. Die Nacht verbringe ich im Winterraum, abends beginnt es wieder stärker zu regnen und der Wind bläst anhaltend und stark. Im Lauf der kalten Nacht lässt der Regen langsam nach während der Wind kaum geringer wird.

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Am nächsten Morgen ist alles winterlich verschneit, der Wind bläst mit starken Böen. Keine idealen Bedingungen um den Pass zu überqueren. Niemand weiß so recht welche Entscheidung er nun treffen soll. Nach längerem Überlegen beschließt das schottische Paar umzukehren, die chilenischen und argentinischen Wanderer machen keine rechten Anzeichen aufzubrechen. Nach einigen Beratungen beschließe ich mich Vincent (Koch, der mir später verrät, dass dies sein 27. Geburtstag ist) sowie Lee (Wirtschaftsstudent, der sich eine Auszeit genommen hat und auf seiner Weltreise auch „Kim kocht“ in Wien als Fixpunkt anführt) anzuschließen und den Pass zu versuchen. Zuerst geht es aufwärts im schlammigen Wald, in dem sich tiefe Wasserlacken gebildet haben, teilweise vom 10 cm frischem Neuschnee überdeckt. Innerhalb kurzer Zeit sind meine Schuhe nass, mir ist kalt aber sonst ist es glücklicherweise nicht so schlimm. Wenigstens sind die Handschuhe trocken und meine Finger bleiben warm. Nach einer Stunde verlassen wir den Wald, man erkennt die Markierungen, die hinauf zum Pass führen. Der Wind bläst mit gut 100 km/h starken Böen, der Schnee wird uns permanent in die Augen getrieben, oft ist es schwer so weit nach vorne zu blicken, dass man die nächste Markierung erkennt. Dennoch geht es halbwegs konstant voran. Kurz vor der Passhöhe noch eine kritische Situation, als wir einen größeren Bach überqueren müssen, der mit Schnee und Eis überdeckt ist. Zuerst folgen wir dem Bach, bis uns ein Wasserfall den Weg versperrt. Schließlich werfen wir große Steine in den ca. 3 Meter breiten Bach, über die wir ans andere Ufer balancieren. Und dann erreichen wir im immer stärker werdenden Sturm doch noch den Pass, Glückwunsche, kurz ein Foto und dann laufen wir bergab, um möglichst rasch diesem Inferno zu entkommen. An diesem Tag (sowie auch in den darauffolgenden Tagen) bleiben wir die Einzigen, die den Pass überqueren konnten. 

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Nachdem wir kurze Zeit bergab gelaufen sind lässt der Sturm nach, die Nebel lichten sich und geben einen unglaublichen Blick auf die Eisfelder eines Gletschers frei, der sich bis zum Horizont ausbreitet. Die nächsten 4 Stunden geht es entlang der Eisfelder durch zauberhafte Wälder zum Refugio Gray (19 km), das am See liegt, in den der Gletscher schließlich mündet. Unterwegs treffen wir zwei Ranger, die uns sagen, dass der Pass in diesem Jahr bereits offiziell geschlossen ist (wobei die Bedeutung von „offiziell“ nicht so ganz klar wird) und die uns schließlich einladen, bei ihnen zu übernachten und uns am Abend auch noch bekochen.

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Das Wetter am nächsten Tag ist noch einmal schlechter, in den Bergen schneit es und am Weg entlang des Ufers gibt es Regen, der mit dicken Schneeflocken durchsetzt ist. Ab dem Refugio Grey, das mit einem Boot erreicht werden kann, trifft man viele Wanderer, vor allem wohlhabende Jugendliche, die Unterkunft, Verpflegung und Abenteuer vorgebucht haben und auch unter sich bleiben wollen. Insgesamt ist die Atmosphäre hier viel hektischer und unfreundlicher als auf der Rückseite des Trecks, das schlechte Wetter und meine Müdigkeit nach den letzten Tagen tragen zur miesen Stimmung noch weiter bei. Absoluter Tiefpunkt ist schließlich das Refugio Paine Grande, eine Tiroler Schihütte mit Disco im Obergeschoß. Weiter geht es durch Regen, Schnee und tiefe Wasserlacken, die Attraktionen des Valle del Frances lassen wir links liegen, weil es gesperrt ist und man ohnehin nichts erkennen würde. Gegen 18:00 erreiche ich völlig durchnässt das Refugio Cuernos, in dem noch ein Bett frei ist (der Campingplatz wird von Mäusen heimgesucht, die sich durch die Zelte fressen) und verkrieche mich sofort im warmen Zimmer und Schlafsack.

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Am nächsten Morgen folgt das übliche Trocknen der Ausrüstung, danach mache ich mich um 9:00 auf dem Weg. Das Wetter hat sich gebessert und nach kurzer Zeit passiert das, womit ich nicht mehr gerechnet habe: die Wolken lichten sich und die Sonne beginnt zu scheinen. Sofort hebt sich die Stimmung, alles erscheint plötzlich leicht und auch die Landschaft ist wieder wunderschön. Heute geht es hinauf zur Attraktion der „W“-Route, den Torres (30 km), drei riesigen Granittürmen, die dem Nationalpark ihren Namen gegeben haben. Der Weg zu den Türmen führt durch einen gut ausgetreten Pfad in hüfttiefem Schnee, bis man schließlich beeindruckt vor einem Gebirgssee steht und ungläubig auf diese Giganten blickt. Danach folgt noch der Abstieg zum Campingplatz Torres, der das Ende des Rundweges darstellt. 

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Nachdem ich noch zwei weitere Tage bis zum Rücktransport zur Verfügung habe, geht es dann noch einmal in die Wildnis der ersten Tage, wo ich eine bitterkalte Nacht verbringe.


06.04.-12.04.2015, El Chalten (Argentinien).

Mit einem Shuttlebus geht es direkt vom Nationalpark nach El Calafate und am nächsten Tag weiter nach El Chalten, wo in der kommenden Woche die Konferenz stattfinden wird. Das Wetter ist herrlich und schon von weitem sieht man die riesigen Granittürme des Fitz Roy und Cerro Torre. Der Fitz Roy wird in der Sprache der Ureinwohner Chalten, der rauchende Berg, genannt, weil über seinem Gipfel stets eine dünne Kondenswolke nach oben steigt, so er nicht wolkenverhangen ist.

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Zu Mittag beziehe ich mein Hotelzimmer, mein Koffer, den ich eine Woche zuvor mit Bus versandt habe, ist glücklich angekommen, und ich hänge das nasse Zelt im Badezimmer auf. Weil ich schönes Wetter in Patagonien noch nicht so gewohnt bin, beschließe ich, noch am selben Tag zum Cerro Torre zu wandern, dem Berg, um den sich viele Klettergeschichten ranken und der seit meiner Jugend eine mystische Anziehung ausübt. Und so nähere ich mich bei Sonnenschein diesem Giganten, dessen Formationen sich einem nicht so recht erschließen wollen, der vorgelagerte Turm, neben dem die gewaltige Headwall hochzieht, die in dem markanten Gipfelschneepilz endet (den Maestri bei seiner Tour-de-Force-Begehung der Kompressorroute nicht bestiegen hat, weil er ihn nicht als Gipfel anerkannte und meinte, er würde eines Tages ohnehin weggeblasen). Mir war nie klar, dass der Weg zu dem Berg durch eine liebliche Landschaft und entlang von wunderschönen Wegen führt, und eigentlich keine Herausforderung darstellt, wodurch ich den Tag einfach genießen kann.

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Abends kommt mein Zimmerkollege Jeremy Baumberg an, ich hatte ihn nicht erwartet, und schnell bereinige ich das Chaos meiner Campingausrüstung und versorge die geruchlich problematischen Kleidungsstücke der Vorwoche. Am nächsten Tag (Dienstag) beginnt die Konferenz erst am Abend, und so rase ich mit Jeremy zuerst zum Fitz Roy, er von der Schönheit der Natur begeistert und immer schneller werdend, ich an meinem 9. Wandertag in Folge bereits etwas geschwächt hinterher taumelnd. Danach geht es entlang von wunderschönen Seen zum Nebental des Cerro Torre, weiter zum Gletscher und zurück nach El Chalten (30 km), wo wir rechtzeitig zum Konferenzempfang ankommen.

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In den nächsten Tagen bleibt das Wetter herrlich, in den Mittagspausen der Konferenz gehe ich immer wieder in den Nationalpark, in dem sich die Bäume innerhalb einer Woche tief herbstlich verfärben. Einmal laufe ich sogar ohne jegliche Ausrüstung zu den Bergen, als plötzlich der Wind zunimmt, tiefschwarze Wolken am Himmel auftauchen und ich befürchte, für meine Arroganz gegenüber dem patagonischen Wetter bestraft zu werden, aber es geht noch einmal alles gut.



Ulrich Hohenester
Institut für Physik, Karl-Franzens Universität Graz,